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Als der VW-Käfer während der Priesterweihe streikte


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    „Unser Haus befindet sich sieben Laternen nach dem Ortsschild von Gaißau“, sagt Herr Dr. Mike Chukwuma am Telefon. „Eigentlich nach der zehnten Laterne, weil ja das neue Blum-Fabriksgelände hinzugekommen ist.“ Dennoch kurve ich durch Gaißau und suche lange. Herr Chukwuma scheint das herumirrende Auto zu sehen und tritt vor das Haus. Jetzt erkenne ich ihn, den ergrauten, 70-jährigen Herrn mit dem freundlichen Lächeln.

    Als Junge hat er den nigerianischen Bürgerkrieg, den sogenannten Biafra-Krieg, hautnah miterlebt. Eine Bombe detonierte im Dorf, mitten auf dem Hauptplatz. Das Kind war Augenzeuge. Überall lagen Leichenteile herum, Kleidungsstücke. Zum Glück blieb er selbst unverletzt, aber dieses Erlebnis hat sich eingeschrieben. Zur Welt kam der ehemalige katholische Priester Dr. Mike Chukwuma 1953 in der nordnigerianischen Stadt Zungeru, lebte dann jedoch ein unstetes Leben an vielen Orten, weil sein Vater bei der Eisenbahn arbeitete und immer wieder versetzt wurde.

    Robert Schneider:Sie stammen aus der Ethnie der Ibo, aus dem Südosten Nigerias, und sprechen auch diese Sprache. Wie groß war Ihre Familie?
    Mike Chukwuma: Weil ich als Kind so viel in Nigeria herumgekommen bin, spreche ich auch Haussa und Yoruba, die beiden anderen Hauptsprachen Nigerias, neben der Amtssprache Englisch natürlich. Meine Eltern hatten neun Kinder, von denen zwei sehr früh gestorben sind. Ein Bruder und eine Schwester starben später, sodass nur noch fünf von uns übrig sind.

    Leben diese fünf Geschwister auch im Ausland?
    Nein, sie leben alle in Nigeria.

    Sie haben als Kind noch die englische Kolonialzeit miterlebt, die im Jahr 1960 zu Ende ging. Haben Sie noch Erinnerungen daran?
    Natürlich. Mich wunderte es als kleiner Junge sehr, mit welcher Arroganz die Engländer auftraten, besonders junge, die nicht den geringsten Respekt vor dem Alter zeigten. Ich war Ministrant - meine Eltern haben sich erst als Erwachsene katholisch taufen lassen - und dachte lange Zeit, dass ein Farbiger niemals Priester werden könne, sondern nur Weiße. Mein Bischof erzählte mir viel später, dass er als farbiger Priester nicht mit weißen Priestern am selben Tisch essen durfte.

    Sie müssen aber ein pfiffiges Kerlchen gewesen sein, dass Sie studieren durften.
    Obwohl mein schulischer Weg sehr kompliziert war und meine Eltern nicht das Geld für Schulbücher aufbringen konnten, war ich ein sehr aufmerksamer Schüler. Ich hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis, habe mir fast wörtlich gemerkt, was die Lehrer vorgetragen haben. Mit elf Jahren habe ich entschieden, Priester zu werden. Unser Vermieter war Schreiner und hatte eine große Werkbank. Wenn er diese Werkbank nicht gebraucht hat, habe ich sie als Altar benutzt und darauf Phantasiemessen zelebriert, die Arme ausgebreitet, den Segen erteilt. Das Problem war, dass ich vom Norden Nigerias in den Süden kam. Meine Eltern haben mich in den Zug gesetzt, und so bin ich mausallein 1500 Kilometer in unbekannte Gefilde gefahren. Mir fehlten anfänglich viele Grundlagen. Ich musste den Katechismus wieder in einer neuen Sprache lernen, aber ich ging immer wahnsinnig gern zur Schule. 1973 habe ich dann maturiert...

    ...und Theologie zu studieren begonnen.
    Zuerst Philosophie. Drei Jahre lang.

    Wie kamen Sie nach Österreich?
    Ich hatte viel Glück in meinem Leben. Eines Tages wurden ein Kollege und ich zum Bischof unserer Diözese gerufen. Dort wurde uns mitgeteilt, dass wir ein Stipendium in Österreich erhalten hätten, und zwar in Innsbruck. Es war der Sommer 1980. Nachts fror ich und brauchte einen Ofen. Diese Art Sommer kannte ich nicht. Zuerst mussten wir jedoch für ein halbes Jahr nach Graz, um einen Deutsch-Intensivkurs zu machen. Wir lernten wie die Blöden. Als wir dann in Innsbruck die Prüfung ablegten, sagte der Professor - ich weiß nicht mehr, wie er hieß -, wir hätten geschummelt. Mich hat das so tief getroffen ... ich meine, wir durften nach Österreich, um Theologie zu studieren und jemand unterstellt uns, dass wir Betrüger seien...

    Ich merke, dass Sie das noch immer aufwühlt...
    Ja, obwohl es mehr als vierzig Jahre her ist.

    Dennoch haben Sie zwei Magister- und einen Doktortitel gemacht.
    Es hat mich einfach tief gekränkt. Hätten wir daheim in Nigeria während einer Prüfung auch nur versucht, heimlich ein Buch aufzuschlagen, wir wären sofort vom Seminar geflogen.

    Die Priesterweihe haben Sie dann in Ugbawka, Ihrem Heimatdorf, gefeiert. Das war vermutlich ein richtiges Volksfest, oder?
    Ja, weil ich überhaupt der erste Priester war, der aus diesem Dorf stammte. Es kamen Tausende aus der ganzen Umgebung, um den „Father Mike“ zu bestaunen. Die haben mehr gefeiert als ich. Ich hatte mir einen VW-Käfer geliehen, blieb aber aufgrund eines Motorschadens mitten auf der Straße liegen. Plötzlich donnerte ein Lastwagen voller Leute heran und alle schrien: „Mach die Straße frei, sonst kommen wir zu spät zur Priesterweihe!“

    Sieben Jahre lang waren Sie Priester. Dann kam der Bruch. Wieso?
    Der hat sich schon früher angekündigt. Durch meine Tätigkeit in der Schweiz habe ich auch das dortige demokratische System kennen gelernt, das mir sehr gut gefiel. Darum fand ich es nicht richtig, dass ein Bischof nicht von der Gemeinde gewählt, sondern von oben herab bestimmt wird. Das erlebte ich als Arroganz der Kirche. Auch dass Frauen nicht zum eucharistischen Dienst zugelassen sind. Ich habe das Priesteramt immer als karitative Aufgabe empfunden. Nicht den Menschen das Beten beibringen, sondern ihnen ganz konkret zu helfen. Wir haben in Nigeria als Priester Latrinen gebaut, verarmten Dorffrauen zinslose Darlehen verschafft, damit sie ihre Familien erhalten können.

    Und dann kam die Liebe dazwischen.
    Das lief zufälligerweise fast parallel. Auf einer Geburtstagsreise nach Paris begegnete ich meiner Simone. Sie war Krankenpflegerin. Zuerst war es eine rein platonische Liebe, dann wurde mehr daraus.

    Sie haben inzwischen drei erwachsene Töchter. Eine davon arbeitet sogar bei den Vereinten Nationen in New York. Das Politische hat Sie immer umgetrieben. Sie wurden in der Grünen-Bewegung aktiv, engagieren sich noch immer intensiv an Entwicklungsprojekten in Ihrer Heimat.
    Ja, als Pensionist habe ich genug Zeit für solche Anliegen. In meiner Heimat bin ich für die Menschen immer der „Father Mike“ geblieben, auch wenn ich schon lange kein Priester mehr bin. Und das freut mich sehr.

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    Author: Tina Johnson

    Last Updated: 1703152562

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